Während ein neues Filmkapitel für Forst beginnt, beendet ein Forster Stummfilm-Star sein Leben – Bruno Kastner

Die Vorbereitungen für den Ufa-Tonfilm „Strich durch die Rechnung“ laufen im Juni 1932 auf Hochtouren. Die Forster Radrennbahn soll Schauplatz der Außenaufnahmen werden.
Zeitgleich, am 30. Juni 1932 beendet in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz), der in Forst geborene Filmstar Bruno Kastner, sein Leben. Er wurde 42 Jahre alt.

In seiner Hochzeit um den 1. Weltkrieg war er einer die beliebtesten männlichen Schauspieler. Er wirkte in etwa einhundert Filmen, häufig in Hauptrollen mit. Doch der Sprung zum Tonfilm gelang Kastner nicht. Nur für zwei Tonfilme und dann nur für kleine Nebenrollen erhielt er ein Engagement.

Die in Wien erschienene Zeitschrift „Mein Film“ Nr. 342 aus 1932 schrieb zu seinem Tod:

Bruno Kastner hat Selbstmord begangen

Eine tief erschütternde Nachricht ist in diesen Tagen durch die Welt gegangen: Bruno Kästner, dereinst einer der elegantesten und beliebteste Bonvivants des Films und der Bühne, hat sich das Leben genommen.

Im Zimmer eines Hotels des kleinen deutschen Badeortes Kreuznach hat sich der unglückliche Künstler erhängt. Als Motiv dieser Verzweiflungstat wird angegeben, daß Kastner sich in Notlage befand. Eine Theatertournee, die er in jüngster Zeit unternahm, schlug gänzlich fehl, fügte Kastner schwere finanzielle Verluste zu, und es war nicht die geringste Aussicht für ihn vorhanden, beim Theater oder beim Film Engagement zu finden.

Das Schicksal eines ausgezeichneten Schauspielers und eines guten, wertvollen Menschen ist besiegelt. Denn Bruno Kastner war ein feinsinniger, gebildeter, seelisch zart besaiteter ­Mensch, der eigentlich so gar nicht im den „Betrieb“ paßte.

Schon als junger Schauspieler hatte er den Ehrgeiz, nur in literarischen Stücken zu spielen, und am Berliner Theater sah man ihn in Rollen Wedekindscher und Hauptmannscher Dichtungen. Durch und durch Künstler, hatte Kastner den Drang nach vollendeter Leistung in sich, und als er, von Asta NieIsen entdeckt, kurz vor Ausbruch des Krieges zum Film kam, war es sein Bestreben, auch der Filmkunst mit aller Aufopferung und dem Einsatz der ganzen Persönlichkeit zu dienen. Daß er dies tat, machte das Geheimnis seiner Erfolge, seines starken und unverlöschbaren Eindruckes aus, den er vom Filmbild her übte. Wie er vom Theater besessen war (und darum anfangs vom Film nichts wissen wollte), so intensivierte er später auch seine Begeisterung für den Film, immer beflissen, nur künstlerische Arbeit zu leisten. Und es war, angesichts der kitschigen Sujets, die man ihm zu spielen anbot, nicht leicht, künstlerische Ambitionen zu verwirklichen.

Am 3. Jänner 1890 war Bruno Kastner zu Forst in der Lausitz geboren. Er absolvierte das Gymnasium in Fürstenwalde und nahm dann Sprach- und Schauspielunterricht bei Robert Nhil und Paul Biensfeld. Sein erstes Engagement erhielt Kastner in Harzburg an der Elbe, später wurde er den Meinhard- und Bernauer-Bühnen in Berlin verpflichtet, denen er bis 1918 angehörte. 1914 hat ihn dann Urban Gad auf Vorschlag seiner Frau Asta Nielsen für den ersten Nielsen-Film „Die Tochter der Landstraße“ engagiert. Es war Kastners erste Filmrolle. Es folgten eine Unmenge stummer Filme mit Bruno Kastner in der Hauptrolle, von denen nur die folgenden genannt seien: „Paradies im Schnee“, „Die drei Portiersmädel“, „Wehe, wenn sie losgelassen“, „Seine Hoheit, der Eintänzer“, „Wien- Berlin“, „Die Dame im Schlafcoupe“, „Die Bräutigame der Babette Bomberling“, „Jugendrausch“, „Freiwild“.

Bruno Kastner, der auch einmal an der Neuen Wiener Bühne gastierte, war im Oktober 1926 in Wien gefilmt, als Partner Anny Ondras. Er spielte in dem erwähnten Film „Seine Hoheit, der Eintänzer“. Es gab damals einen solennen (feierlichen) Bahnhofsempfang für den Künstler, und am 24. Oktober 1926 schrieb Bruno Kastner für die Leserinnen und Leser von „Mein Film“ Tausende von Autogrammen. Es war die Zeit, da er den Höhepunkt seiner Filmkarriere erreicht hatte.

Die späteren Jahre brachten ihm schon Enttäuschungen. Kästner wurde weniger beschäftigt, und als der Tonfilm kam, fand er an diesen keinen rechten ­Anschluß mehr. Bloß in zwei Tonfilmen, dem Richard-Tauber-Film „Das Land des Lächelns“ und in „Tingel-Tangel“ spielte er, jedoch keine bedeutenden ­Rollen. Unterdessen hatte er sich wieder dem Theater zugewendet und Gastspiele an Provinzbühnen, auch mit einem von ihm zusammengestellten Ensemble arrangiert und absolviert, die ihm aber wenig künstlerischen und noch weniger materiellen Erfolg einbrachten. Wenn er Engagements beim Tonfilm suchte, bot man ihm Beschäftigung in der — Edelkomparserie an.

Zu der Veränderung im Leben Bruno Kastners trug wohl auch der Umstand bei, daß sich der Künstler vor einiger Zeit von seiner Gattin Ida Wüst, mit der er acht Jahre verheiratet gewesen, scheiden ließ, um die Kabarett-Sängerin Lisi Thirsch zu ehelichen. Mit seiner jungen Frau begab sich Kastner für einige Zeit weg aus Berlin, um mit ihr gemeinsam in Kabaretts und Varietés zu gastieren. Eine Zeitlang ging es Kastner dann so elend, daß er mit seiner Frau in Vorstadtkinos in einem Sketch einer Bühnenschau auftrat, wofür er, bei drei- bis fünfmaligem Auftreten an einem Tag — zehn Mark als Honorar erhielt.

Vor einem Jahr etwa, schien sich seine Lage etwas zu bessern. Es gelang Kastner so soviel Geld aufzutreiben, daß er ein Ensemble für eine Bühnentournee zu engagieren vermochte. Doch bald zeigte sich, daß diese Idee nicht fruchtbar werden konnte. Die Einnahmen wurden immer schmäler und die Komödie „Frei oder unfrei“, die Kastner auf der Tournee spielte, hatte ebensowenig Zugkraft, wie er selbst. Am Donnerstag, abends war Kastner im Kurhaustheater des Bades Kreuznach noch aufgetreten. Der Besuch der Vorstellung war wieder katastrophal schlecht. Da begab sich Kastner in sein Hotelzimmer und nachdem er einen Abschiedsbrief an seine Frau geschrieben hatte, erhängte er sich mit einer Jalousieschnur am Fenster. Des Morgens fand man ihn tot auf.
Für Bruno Kästners gütigen Charakter spricht, daß er immer viele Freunde hatte (die ihm, weil er zu stolz war, sie anzubetteln, leider nicht helfen konnten).

Er war ein Tierliebhaber und hielt Hunde, Katzen und Papageien. In der Antwort auf eine Frage, die wir an ihn im Herbst 1926 im Rahmen der damals in unserem Blatt wiederholt veröffentlichten „Fragebogen“ richteten, und die da lautete: „Was ist Ihre größte Passion?“ entgegnete Kastner „meine Tiere!“ Jene Fragebeantwortungen lassen überhaupt Schlüsse auf Kastners Persönlichkeit ziehen. Er antwortete zum Beispiel auf die Fragen: „Was wünschen Sie sich? Was ist Ihr Glück? Was ist Ihr Endziel?“: „Soviel Geld, daß ich — fern von Madrid und allem, was Film heißt — nur mir selber, -meiner Frau und meinen Tieren leben könnte. Das wäre — vielleicht?? — das große Glück und ist auf alle Fälle einmal, wenigsten vorläufig, das Endziel, für das ich mich quäle!“ Und zur Frage „Zu welcher Zeit hätten Sie gerne gelebt?“ schrieb er: „Zu jeder … nur leben!“

Bruno Kastner liebte also das Leben und war im Grunde ein Optimist. Wie verzweifelt mußte dieser arme Mensch gewesen als er Hand an sich legte!!
Die älteren Kinobesucher werden Bruno Kästner gewiß ein ehrendes Andenken bewahren. Er hat es sich verdient: als Künstler, wie als Mensch!

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